Alexandre Najjar

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Neue Zürcher Zeitung, 7.3.2002 S. 63 Feuilleton

Meine erste Leiche
Ein Autor in der "Schule des Krieges"

Viele Libanesen nennen heute den Krieg, der in ihrem Land 15 Jahre lang gewütet hat und dem ungefähr 70 000 Menschen zum Opfer gefallen sind, einfach "al-Ahdath", die Ereignisse. Und obwohl die Spuren der Kriegshandlungen noch vielerorts in Beirut an Gebäuden sichtbar sind, versuchen die Menschen dieses Kapitel aus ihrem Gedächtnis zu streichen. So ist es nur selbstverständlich, dass sie ihre Erlebnisse auch nicht an ihre Kinder weitergeben. Alexandre Najjar hat viele 13- und 14-jährige Schüler getroffen, die überhaupt nichts wussten von diesem jüngsten blutigen Kapitel in ihrem Land, das nur 10 Jahre zurückliegt - als hätte der Krieg für sie in einem anderen Land stattgefunden. So entstand die Idee für sein Buch. Najjar wollte ein Gedächtnis für jene Zeit schaffen und gibt in der "Schule des Krieges" seine persönliche Sichtweise wieder. Najjar war 8 Jahre als, als der Krieg ausbrach, und 23, als er zu Ende war. Er gehört zu der Generation, die im Krieg aufgewachsen ist. Der Krieg hat ihr die Kindheit und Pubertät geraubt und die jungen Menschen zu dem gemacht, was sie heute sind: " Wir waren 200 Jungs in der Schule. 7 haben sich umgebracht. Das ist eine schreckliche Statistik. Die Kinder sind die ersten Opfer des Krieges. Niemand fragt sie nach ihrer Meinung. Wir waren zu klein, um nach den Waffen zu greifen, und als wir uns bewusst geworden sind, was um uns geschah, war der Krieg schon vorbei. Aber er hat mich tiefgreifend beeinflusst, zum Beispiel mein Verhältnis zum Tod. Immer habe ich Angst, dass ich ein Familienmitglied verliere. jeden Tag muss ich daran denken" , sagt der junge Schriftsteller. Zu Beginn der Kampfhandlungen versuchten die Eltern ihre Kinder mit Lügen davon zu überzeugen, dass alles ganz harmlos sei. Die Geschosse seien nur Feuerwerk. dabei sollte die Naivität und Unbekümmertheit der Kinder den Erwachsenen nur über ihre eigene Todesangst hinweghelfen. Spätestens beim Anblick des ersten Toten wurde den Kindern klar, dass es sich nicht um ein Feuerwerk handeln konnte. Najjar war 9 Jahre alt, als er die erste Leiche sah. Im Buch geht es um die vielen selbstverständlichen Dinge im Leben, über die man in einem normalen Alltag kaum nachdenkt: fliessendes Wasser, Strom, Brot, regelmässigen Schulbesuch. Najjar schildert auch die " besonderen" Situationen, die es nur im Krieg geben kann. Die unterhaltsamen Nächte im Familien- und Nachbarkreis im Luftschutzkeller oder den Reiz, unter Lebensgefahr ein Rendezvous im anderen Teil der Stadt wahrzunehmen. "Das Störende an diesem Krieg ist auch, dass es keine klaren Richtlinien dafür gibt wer als Märtyrer oder als Held zu gelten hat. Der Märtyrer der einen ist ein Verräter für die anderen. Alles ist relativ. In unserem Land, in dem es 18 verschiedene religiöse Gruppen gibt, ist es sehr schwierig, Geschichte aufzuschreiben. Es kann niemals objektiv ausfallen", sagt Najjar. Aus diesem Grund kommt der Literatur bei der Aufarbeitung der Geschichte eine besondere Rolle zu. Mehrere Autoren haben sich bereits mit dem libanesischen Bürgerkrieg beschäftigt, aber nur sehr wenige haben es wie "Die Schule des Krieges" aus der Sicht eines Kindes versucht.

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